Liebe Leserinnen und Leser,
Sommerpause ist uns ein Fremdwort, im stets unermuedlichen Einsatz fuer die Kurzmeldung ging es fuer Euren im Wortsinne rasenden Reporter am Wochenende mit dem Nachtzug nicht nach Lissabon sondern ins schoene Beijing. Diesmal auf der Spur des olympischen Goldes von Jan „Frodo“ Frodeno, unserem deutschen Goldmedalliengewinner ueber die olympische Distanz in Beijing 2008. Da die behandlung des triathletischen Fussvolks nicht ganz so organisiert verlaeuft wie die der Elite-Gruppe, mussten wir uns privat um die Details kuemmern, was aber dank des Shanghaier Triathlon Clubs (noch ein Verein, dem ich mich auch ohne satzungsmaessigen Beitritt zurechne) kein groesseres Problem war (Vorsicht: No problem in Chinese means BIG problem). Doch langsam:
Der Nachtzug gehoert meineserachtens zu den voellig verkannten Fortbewegungsmitteln fuer den klassischen Beijing-Ausflug. Zwar sind die Billetpreise fast genauso hoch wie fuer guenstige Flugtickets (zwischen 50 und 75 Euro, je nachdem, ob man schnell oder langsam durch die Nacht rasen moechte und ob man lieber oben oder unten liegt, was keine der bekannten Anzueglichkeiten ist, im 4-Bett-Abteil sind die oben gelegenen Kojen tatsaechlich teurer!), doch spart der Viertelschwabe bereits an der Taxifahrt, da der Bahnhof schneller und guenstiger zu erreichen ist. Aber der eigentliche Gewinn liegt in Zeit- und Uebernachtungskosten! Denn waehrend man bei der Flugreise die Wahl hat sich bereits am Vorabend aufzumachen und seinen Restabend an einer schummrigen Hotelbar zu verbringen, was schlecht fuer den Zahnarzt ist, der bei solchem Freizeitverhalten wenig Aussicht hat einem Gold in den Mund zu nageln, oder man verbringt den Abend an heimischen Trinktroegen, quaelt sich meintewegen mit Kopfschmerzen am naechsten Morgen zur ersten Maschine aus dem Bett und kommt dennoch erst kurz vor Mittag miesepetrig in Beijing Zentrum an. Anders der passionierte Zugfahrer: um 21.13 faehrt der Zug puenktlich ab (wir reden explizit ueber China!), von der staendig dudelnden Zugbegleitmusik bereits eingelullt verstaendigt man sich mit seinen Mitreisenden darauf das Licht auszumachen und in saubere Laken gehuellt schlaeft man vom Rattern der der Schienen und von Umweltengeln bespielten Harfen den Schlaf der Weltenretter und kommt am naechsten Morgen um 7 Uhr erholt am Hauptbahnhof Beijing an. Sofern nicht der Abteilnachbar Atemstoerungen begleitet von heftigem Schnarchen leided (von anderen Geraeuschen und deren olfaktorischer Nebenwirkung will ich gar nicht reden).
Also vielleicht nicht ganz so gut erholt aber immerhin fuer alle Schandtaten bereit kamen wir also Morgens in Beijing an. Mein Freund der Polizist, der mir noch 200 ob eines Wutanfalls ueber den vergeblichen Versuchs den kompletten Reisepreis fuer eine Fahrkarte erstattet zu bekommen, einen freundlichen Klapps auf den Hintern gab, war leider nicht aufzufinden. Ich bin sicher er ist seinen Weg gegangen.
Wir gingen unseren und der fuehrte nach der Vereinigung mit ca. 20 Mitstreitern des STC und zwei Stunden Wartezeit auf den Bus und weiteren 1.5 Stunden Fahrzeit mit dem Bus in das schoene Beijing Subway Hotel. Woher dieses seinen kreativen Namen bezog ist weiterhin unbekannt. Es gab im weiten Umkreis weder eine U-Bahn noch eine Fastfood-Restaurant, welche diesen vielleicht gerechtfertigt haette.
Nachmittags liebevoll das Rad zusammengebaut und erstmals den Eindruck, dass man damit Eindruck schindet. Anders als auf Bintan starten die meisten Chinesen bei dem Event mit klapprigen alten Rennraedern. Die haeufigste Beschaeftigung des Reparaturshops scheint mir die Demontage von Einkaufskoerben und Parkstuetzen zu sein. Hier waere ich wahrscheinlich mit meinem Mountainbike und den Crocks nicht weiter aufgefallen!
Das Racebriefing fand, wie es eigentlich nicht anders zu erwarten war, ausschliesslich auf Chinesisch statt. Warum auch hat man den Titel International ITU Triathlon gewaehlt (Anmerkung: mit Feng Shui und allen Yings und Yangs in Einklang dagegen der Titelsponsor: Red Bull, und dass im Jahr des Rinds, da kann ja eigentlich nichts schief gehen). Bis zum Schwimmen!
Aber der Reihe nach.
Da die Registrierung bereits einige mittlere Diskussionen hinsichtlich meiner Befaehigung zu Schwimmen und der allgemeinen Sporttauglichkeit aufwarf (chinesischen Teilnahmeurkunden dienen als Nachweis, aber meine Bintan-Urkunde mit Photo wurde kritisch beaeugt, koennte ja eine stumpfe Faelschung sein. Auch wenn ein Gesundheitsnachweis allgemein Sinn machen wuerde, warum hat mir das niemand vorher gesagt und warum unterschreibe ich dann zig Verzichterklaerungen die man mir zudem nur auf chinesische vorlegt). Also aufgrund gemachter Erfahrungen bei der Anmeldung nochmal kritisches Studium des offiziellen Begleithefts. Welches zu 90 % auf chinesisch formuliert ist. Diese Kritik –zur Klarstellung- ist m.E. valid, andererseits gibt es tatsaechlich nur so wenige auslaendische Teilnehmer, dass selbst meine Wenigkeit zweimal im chinesischen Fliesstext auftauchte („Achten Sie auf diesen Mann!“).
Also, ich merke, die Ereignisse sind noch sehr praesent und aufwuehlend, vielleicht weht sich mein Innerstes auch gegen das was nun kommt: Also, Augen zu und durch, beziehungsweise vorher nocheinmal zur letzten Sicherheit und der Ueberraschungen wegen ein Blick ins Regelverzeichnis: Alle Teilnehmer haben waehrend des gesamten Rennens die Brust bedeckt zu halten – dies gilt auch fuer die Schwimmstrecke. Wie? Goennt man mir nunmehr noch nicht einmal die wenigen Haare die ich mein eigen nenne zu zeigen? Bin ich ein Maedchen oder was? Doch die Dame vom Veranstalter insistiert und nun stehe ich da! Erstmals bei einem Triathlon an alles gedacht, Helm, Schuhe, kein Thema, meine Badehose aus dem Material, mit welchem zur Zeit ein Schwimmweltrekord nach dem anderen geknackt wird, aber nachdem die Regeln auf Bintan das Tragen von Schwimmanzuegen verboten, barbusig! Und nun?
Man kann mir vorwerfen, dass ich nach dreieinhalb Jahren China immer noch nicht verstanden habe, am Ende des Rennens bin ich schlauer, aber zuerst mal raus an den einzigen Haendler, der entweder diese bescheuerte Klausel zu verantworten hat oder von seinem Absatz an Triathlon-Einteilern selbst uberrascht war. Den letzten Schwimmanzug erhalten, mich ueber den Preis von 6 Euro gefreut und entsprechend nur kurz hinterfragt, ob die Dame wirklich meint, dass ich XL brauche. Danach die erste Proberunde mit dem Rad und nicht mehr weiter geaergert. Haette ich mal besser, denn so merkete ich erst am naechsten Morgen um 6.30 Uhr, dass es sich bei dem Model recht offensichtlich um einen Damenbadeanzug handelte (nein, er war nicht rosa und hatte keinen Ausschnitt, aber der Zuschnitt war dann doch recht eindeutig). Was tun? Nun, das Regelwerk zwang mich dazu in den sauren Apfel zu beissen, so dass ich mich mit Muehe, aber Erfolg und einem zugegebenermassen formgebenden Ergebnis in das Teil hineinzwaengte (Wurstpelle und Badeanzug sind im chinesischen uebrigens ein Schriftzeichen!). Erstmals uebrigens froh um die im allgemeinen eher dezente Oberweite der Otto-Normal-Chinesin und dass der Zuschnitt der Badeanzuege nicht nur dies, sondern auch die Besonderheiten der chineschen Damenmannschaft beruecksichtigte J).
Um 7 Uhr dann leicht verkniffen und nicht wirklich ueberzeugt davon, dass dies ein guter Tag wird, mit dem Fahrrad zur Rennstrecke. Der Schwimmteil fand am Fusse eines Staudamms in sehr pitoresker Umgebung statt. Die Transition-Zone erstreckte sich auf der gesamten Breite des Damms, auf der Gegengeraden befanden sich dann die Zuschauerraenge, Pressetribuene, Doping-Kontrolle (!) und Athlete’s Lounge. Danach ging es dann gleich einen Steilhang hinauf mit dem man die ca. 25 Meter Hoehenunterschied zur Strasse und Dammkrone ueberwinden musste. Diesen Anstieg sollte ich bei insgesamt 5 Fahrradrunden und vier Laufrunden noch besser kennen und hassen lernen.
Doch zunaechst kam die Schwimmstrecke, die Vor- und Nachteile hatte. Vorteilhaft war, dass ich beim Aufwaermen doch noch den ein oder anderen Menschen in der klassischen Badehose ausmachen konnte. Dies gab zu der Hoffnung Anlass, dass das Zeigen einer Sean-Connery-esken Brust nicht zur sofortigen Disqualifikation fuehrt. Also zum Schwimmen traeger runter und den oberen Teil meines Transvestitionsvehikels nach unten gewickelt. Nicht unbedingt formschoen und aquadynamisch ein Graus, doch der wahrscheinlich jedem Triathleten innewohnende Macho fuehlte sich besser (gar nicht zu sprechen von drohenden „Bikini’-Streifen am Ruecken). Am Ende fehlte mir allerdings meine Superbadehose mit Spezialbeschichtung fuer ermuedungsfreies Paddeln dank kuenstlichem Auftrieb, jedenfalls waere ich beim Schwimmen schier untergegangen. Lag vielleicht auch am fehlenden Training und dem Umstand, dass Salzwasser nun mal doch besser traegt als Suesswasser in einem Stausee.
Ging aber. Und der Rest ist Geschichte:
In diesem Sinne
P.S.> Die Hoffnung, dass ich es ob der geringen Anzahl auslaendischer Teilnehmer schaffe mich als schnellster Deutscher auf den Podest zu schmuggeln und somit ins Glied zu Gott Frodo einzureihen, wurde von einem augenscheinlich deutschen Mitlaeufer zerstoert, der nicht nur deutlich schneller war, der zudem noch den Mut eine weisse-Badekombination trug, was meine kleidungstechnische Notloesung was grosses Kino anbetrifft um Laengen schlug.
P.P.S> Zeiten werden nicht untderdrueckt, sondern sind noch nicht veroeffentlicht